Eugenia Jaeger - Malerei und Druckgrafik und Katalin Moldvay - Objekte und Zeichnungen
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Einführung: Stefan Tolksdorf
Ausstellung: 22. Mai bis 27. Juni 2015



Vernissage-Rede Stefan Tolksdorf 21.5.2015
Freiburger Künstlerwerkstatt L6
Eugenia Jaeger und Katalin Moldvay

Pfade in die Gegenwelt

Zwei Künstlerinnen, die erst spät - in ihrer neuen Heimart Baden-Baden zueinander fanden, zwei die einiges verbindet:
Ihre (auch künstlerische) Sozialisation in Staaten des ehemaligen Ostblocks, ihre starke Neigung zur schwarz-weißen Reduktion, zur Gattung der Groteske. Zu surrealen Bildwelten, in denen sich latente Bedrohung ebenso ausdrückt, wie der Wille zur poetischen Transformation.
Gemeinsam auch ist ihnen die ausgesprochene Liebe zur Literatur.

Eugenia Jaeger kam 1963 in Kasachstan zur Welt. Seit 1996 lebt sie in Baden-Baden. Die Technik des Siebdrucks verwendet die Künstlerin nicht - was nach Warhol nahe läge - für serielle Arbeiten; jedes ihrer mit Acryl und Bleistift überarbeiteten Blätter ist ein Unikat und spricht dem Diktum vom Verlust der persönlichen Handschrift im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit Hohn.
Ihre fotografischen Vorlagen sind stark verfremdet, teils auch beschnitten, wie jene zwei Eimer tragenden vermeintlichen Bäuerinnen, die einem Motiv der Volkskunst entlehnt zu sein scheinen. In Wahrheit ist es, dupliziert, die Künstlerin selbst.
Es interessiere sie, wie sie sagt, das Leben im Modus des Provinziellen - wobei zur Provinz auch jene Millionenstädte zählen können, in denen sie in Russland lebte.
Gemeint ist wohl eine spezifische Konzentration auf die immer gleichen Abläufe, jene Ruhe und Monotonie, denen mitunter nur durch die Flucht in eine Surrealität, in die entlegenen Wahrnehmungsräume einer prinzipiell subversiven Phantasie zu entkommen ist.
Ein kleines, assoziationsreiches Detail wird da mitunter zum Auslöser und Türöffner einer phantastischen Parallelwelt.
Immer wieder sind es Tiere: Spatzen, Eisbären, vorzugsweise Wölfe, die da hinein vorstoßen - keine Angstwesen, eher märchenhafte Begleiter des Menschen, die sich gleichwohl jeder anthropomorphen Vereinnahmung entziehen, wie jener Wolf, der mit zwei Kindern spielt, sie scheinbar mit zieht in seine, ganz andere Seins-Sphäre.
Die meisten dieser Bilder geben Rätsel auf.
Wohin führt der Piranesi-hafte rätselhafte Steg - in eine Geschichte von Michael Ende oder in rein abstrakte Denksphären, was die Streifenordnung im Hintergrund nahe legt?
Und was bedeuten - auf ihrer einzigen puren Zeichnung - die Glühbirnen auf der immer wieder mit neuen Utensilien bestückten heimischen Tischplatte?
Ein nicht verdauliches Stillleben? Eine Replik auf die nicht (mehr) stattfindende "Aufklärung"?
Und die Figur der Tochter inmitten von Sperlingen und anderen Gefiederten - Freunden?
Zwitschern ihr die frechen Flatterer mitunter verborgene Botschaften zu. Ist im "Buch der Natur" noch immer zu lesen?
Die Bilder halten sich, wie ich finde, sehr gelungen, in einer traumhaften Schwebe. Mehr Ahnung als Gewissheit, eine melancholische Grundstimmung und die Freude am Absurden!

Bereits fünf Ausstellungen hat Eugenia Jaeger mit ihrer Freundin, der in Rumänien geborenen Ungarin Katalin Moldvays bestückt - unter anderem in der Städtische Galerie Moskau.
Sie erkennen, wie ideal die beiden korrespondieren.
Nicht nur in der Beschränkung auf die Nichtfarben Schwarz und Weiß mit ihrem Spektrum von Grauwerten, auch in formalen Analogien und - wie gesagt - in ihrer surrealistischen Grundausrichtung.
Katalin Moldvays findet ihre Materialien vorzugsweise auf den Flohmärkten, ihre besondere Liebe gehört textilen Stoffen, die sie subtil vernäht und zu Material-Collagen und kuriosen Assemblagen kombiniert - wobei sie auf Kontraste abzielt:
Das Harte und das Weiche, das anschmiegsam sich Wölbende und die gähnende, mitunter verschlingende Tiefe von schwarzen Löchern. Mal klein, zwischen textilen Tentakeln und tierhaften Wülsten, mal als ferne Bedrohung.
In jedem Fall weiß sie den Betrachter mit ihren teils stehenden, teils an der Wand hängenden oder im Raum schwebenden Objekten zu befremden - wohl eine der wichtigsten Obliegenheiten der Kunst.
Samt, Filz, Knochen, Spielzeug, Schwemmholz und Kunstpelz werden in freier Kombinatorik zu durchaus sinnfälligen Wesen eigener Ordnung - changierend zwischen organischem Leben und funktionaler Anmutung. Ein später Dada- Reflex von großer Nachhaltigkeit. In der Mehrzahl bezeichnet sie diese Objekte als Zustände, was ausdrückt, das sie auch ganz anders sein könnten, sich in metamorpher Vorläufigkeit befinden und ihren Ist-Zustand beliebig zu verändern vermögen.
Optionen des ganz anderen, möglichen, eines kommenden Lebens? Oft sind es "Nebenwirkungen". Fragt sich nur wovon?
Teils latent bedrohlich, teils nurmehr interessant, teils schockierend, wie jene weißen "Embryonen", die im Bündel über schwarzen "Bomben" aus Eierhaltern baumeln.
Leben und Tod untrennbar verknüpft.
Ein Memento Mori wie der aus früheren Studien heraus gelöste und mit einem Jugendstil-Ornament umwobene Knochen?
Vielleicht. Mitunter geht es auch um Klischees und Stereotype weiblicher Rollenbindung, etwa der verordneten Fruchtbarkeit.
Moldvays Dinge entziehen sich jeder Begrifflichkeit - auch das ein Kriterium für künstlerische Qualität - überzeugen indes durch ihre formale Schlüssigkeit und handwerkliche Akkuratesse.
Latent biographisch ist der Scherenschnitt-hafte Kopf, der eigene Schädel der Künstlerin, der auf formschönen Miniaturen zum Mittelpunkt subtiler Vernähungen wird - mal als Bildgrund für eine tapentenhafte Fête Galante, mal für eine subtile Wegskizze - wohin?
Ins Zentrum des Ich?
Wohl kaum
Ein solches Zentrum scheint es, stellen beide Künstlerinnen auf ihre je eigene Weise in Frage.

Stefan Tolksdorf M.A.
(Kulturjournalist)



Das erste gemeinsame Projekt der Baden-Badener Künstlerinnen Katalin Moldvay und Eugenia Jäger wurde erfolgreich Ende 2012 in der Städtischen Galerie in Moskau realisiert, dann Kunstverein Sulzfeld, GEDOK Karlsruhe, Orgelfabrik Karlsruhe, L6 Freiburg und ARTFORUM Offenburg.
Beide Künstlerinnen beziehen ihre Inspiration aus der konkreten Realität, im Prozess der Werkherstellung wird dieses Gegebene aber transformiert zu etwas völlig Neuem.

Die Ausstellung vereint also zwei künstlerische Positionen, die äußerst individuelle sind, die sich optisch stark unterscheiden, die aber auch inhaltliche und strukturelle Gemeinsamkeiten haben und sich wunderbar in den Räumen in der KünstlerWerkstatt L6 e.V. gegenseitig befruchten.
Beide Künstlerinnen arbeiten monochrom mit schwarz-weißen Kontrasten und laden den Zuschauer zu einem harmonischen Dialog zwischen Kunstobjekten undMalerei ein.

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