Anja Kniebühler - Papierarbeiten

Wir laden Sie und Ihre Freunde herzlich ein zur Eröffnung unserer Ausstellung am
Mittwoch, den 22.Oktober 2014, 19.30 Uhr

Einführung: Dr. Antje Lechleiter

Ausstellung: 23.Oktobr bis 13. November 2014


 

Anja Kniebühler gehört, als in den 1960er Jahren Geborene, zu einer Generation von Künstlern, die sich einer immer größer werdenden Präsenz von Bildern in den neuen Medien konfrontiert sieht. In ihrer Kunst ist es ihr allerdings gelungen, sich erfolgreich gegen die täglich über uns hereinbrechende Bilderflut zu stemmen und mit den ausgestellten Papierarbeiten geht sie mutig bis an die Grenze der Wahrnehmbarkeit. Überdies kann man ihre Werke eigentlich nicht fotografieren oder reproduzieren. In unserer schönen neuen Welt der Bilder und deren hemmungsloser Vermarktung ist dies eher ungewöhnlich und mag Erstaunen hervorrufen.

Mit dem Begriff "Papierarbeiten" ist diese Ausstellung gut übertitelt, denn wie sollen wir diese Werke sonst nennen? Ist das eine Form von minimalistischer Malerei oder sind das Zeichnungen? Irgendwie stimmt beides, wir könnten das heute Ausgestellte als mit der Nadel Gemaltes oder Gezeichnetes ansprechen. Auf jeden Fall sehen wir eine ungemein radikale Form der Bildfindung, in der die Fläche, also der Bildträger in essentieller Form thematisiert wird. Doch vielleicht ist diese Beschreibung noch immer zu ungenau. Mit den hochgewölbten Papierrändern gelangen wir auch in die 3. Dimension, es entsteht ein Relief - und zwar mit genau jener Papierfläche, welche durch die Nadel zerstört wurde. Bringen wir es also auf diese Formel: Anja Kniebühler malt, zeichnet und formt mit Papier. Im extremsten Falle, also etwas bei diesen großformatigen Blättern hier drüben, braucht sie für ihre Kompositionen überhaupt kein Malmittel, sondern nur einen Bildträger, der dann selbst zur Form wird. Anders ausgedrückt: Die Leere ist das Material, das Licht die Form.

Der Entstehungsvorgang lässt sich ganz einfach folgendermaßen beschreiben: Von hinten sticht die Künstlerin in ihr weißes Papier. Die aufplatzende Fläche wirft dabei auf der Vorderseite kleine Erhöhungen auf. Zu gerne würden wir mit den Fingerspitzen über diese Strukturen tasten, doch das geht natürlich nicht. So tasten sich unsere Augen über das Papier und mich überraschte die Ähnlichkeit, die diese Form der visuellen Wahrnehmung mit der von mir gleichzeitig imaginierten, taktilen Wahrnehmung hat. Mit ihren Werken schärft sie unsere Sinne, thematisiert den Vorgang der Wahrnehmung und ich muss zugeben: Ein vergleichbar starkes Ineinandergreifen zwischen dem Augen- und dem Tastsinn habe ich bislang noch nie erlebt. Sehen und Fühlen wird für den Moment der Bildbetrachtung eins. Und wir tasten sanft über die Verletzungen, die die Künstlerin ihre Bildoberfläche beigebracht hat, um sie in den Raum zu öffnen.

Wie kommt eine Künstlerin wohl zu solch einer ungewöhnlichen Technik? Vielleicht wissen Sie, dass Anja Kniebühler ursprünglich von der Malerei kommt. Hier drüben an der Wand hängt eine ältere, in Öl auf Leinwand realisierte Arbeit. Der Vergleich mit den neuen Werken zeigt, dass sie inzwischen zwar zu einer völlig anderen Technik gefunden hat, sie ihrem Formenrepertoire aber in gewisser Weise treu geblieben ist. Was ich dabei besonders interessant finde, ist die Tatsache, dass Anja Kniebühler in der Malerei auf Leinwand nie so großformatig gearbeitet hat, wie in diesen Papierarbeiten. Doch kehren wir zu meiner Ausgangsfrage zurück: Wie kam sie nur dazu, mit der Nadel zu zeichnen? Ein Aufenthalt in Island bereitete diese Papierarbeiten im Jahr 2007 vor. Dort begann sie, kleinteilige Tuschestiftzeichnungen von netzartigen Strukturen mit winzigen Pünktchen anzufertigen. An der Wand hier links von mir finden Sie ein Beispiel für diese filigranen Gewebe. Ein Jahr später besuchte sie während eines Parisaufenthaltes den Louvre und sah die - für die Bildübertragung in ein Fresco - durchstochene Vorlage eines Portraits der Isabella d'Este von Leonardo da Vinci. Anja Kniebühler fügte die beiden zentralen Erfahrungen ihrer Reisen zusammen und begann, den Bildgrund selbst mit feinen Punkten zu durchstechen. Wie Sie hier sehr gut sehen können, konstituieren diese winzigen Löcher sowohl Flächen als auch Linien. Licht und Schatten spielen für die malerische Wirkung eine wichtige Rolle, denn durch die winzigen dunklen Stellen, die das aufgeworfene Material bei entsprechender Beleuchtung auf den weißen Grund wirft, erkennt man gerade bei den größer angelegten Punktflächen den Willen der Künstlerin, auch die malerische Qualität ihrer ungewöhnlichen Technik auszuloten. Das heißt für sie: Bis zum Grenzbereich der Malerei vorzustoßen.

Ich finde es höchst interessant, dass sie gerade ein Bild der Renaissancezeit auf die Idee brachte, sich nun eben ganz und gar unter Vermeidung illusionistischer Mittel aus dem Gefängnis des flachen Bildträgers zu befreien. Ihr Raumeindruck meint gerade keinen fensterähnlichen Durchblick in die Welt, sondern formt eine abstrakte Räumlichkeit. Mit exemplarischer Schlichtheit zerstört Anja Kniebühler den zweidimensionalen Bildgrund, um eine andere Form von Raum entstehen zu lassen.

Um die Interaktion zwischen der Struktur und der weißen Papierfläche unter Hinzunahme der Farbe weiter zu erforschen, integriert die Künstlerin seit diesem Jahr mit Ölfarbe übermalte Partien in ihre Kompositionen. Die erste, so entstandene Arbeit sehen Sie gleich wenn Sie reinkommen, rechts neben dem Eingang. Dort agieren die feinen Nadelstiche als Linien, die ein Netz über den Papiergrund werfen. Man sieht deutlich, wie ihr die Farbe nochmals ein ganz neues Feld eröffnet und keineswegs nur untergeordnetes Beiwerk ist. Blicken Sie nochmals nach drüben, zum anfangs angesprochene Gemälde, denn dieses zeigt, dass bei Anja Kniebühler die Malerei auch für sich alleine stehen kann. Das ist sogar für sie eine Voraussetzung, damit nun beide Bereiche gleichwertig in einer Arbeit agieren können. Und natürlich ist es auch nicht beliebig, welche Farbe man welcher Form zuordnet. In diesem vorderen Teil der Ausstellung entsteht über die eher unbunte Farbigkeit ein Hell-Dunkel Kontrast, der zu einer merkwürdigen Verschränkung von Schwarz und Weiß führt. Denn auf dem weißen Grund des Papiers tritt der durchstochene Punkt schwarz hervor, auf der dunkeln Fläche entsteht durch das von hinten ausgestülpte Papier dagegen ein weißer Bereich. Diese reduzierten Mittel lassen eine teilweise irritierende Räumlichkeit entstehen, und viele dieser Formen wirken überraschend objekthaft. Die dunklen Partien scheinen den Blick in das Innere eines Gegenstandes zu lenken. Was das aber letztendlich für ein Ding ist, bleibt offen. Bewusst verzichtet Anja Kniebühler auf Bildtitel, wir sollen nicht lesen, sondern betrachten. Dann klingt von der Ferne die Erinnerung an Bekanntes an, hier drüben mögen wir beispielsweise eine aufgeschnittene Frucht, einen Schuh oder - besonders bei der Betrachtung aus größerer Distanz - eine Zunge assoziieren. Vielleicht erinnern Sie andere Blätter an einen Tisch, ein Dach oder eine Vase, doch greifen lassen sich diese Gegenstände nicht. Die Formen übermitteln nur Möglichkeiten, und Sie sehen sehr gut bei diesem Blatt im Kofferformat, - wie es Anja Kniebühler in unserem Vorgespräch nannte - dass die Illusion von Räumlichkeit schon durch wenige Striche wieder aufgehoben werden kann. Ganz wichtig ist das Verhältnis von Line und Fläche, und zumeist vertragen diese Kompositionen nur zwei Linien. Würde eine ganze Fläche von mehreren Strichen eingeschlossen, so bekäme dieses Feld ein zu großes Gewicht.

Überhaupt fällt auf, dass sich diese Kompositionen im kleinen wie im großen Format durch eine vollkommene Balance von ruhiger Harmonie und dynamischer Spannung auszeichnen. Das liegt auch an der ganz verschiedenen Art der Flächenbehandlung. Es gibt regelmäßig gemusterte und eher chaotisch wirkende Abschnitte. Es gibt Bereiche, in denen das Ornament zu einer Form wird, die anwachsen könnte und es gibt in sich abgeschlossene Partien. Und auch der Aspekt "Zeit" spielt eine Rolle. Während sie diese unzähligen Punkte in einem meditativen, langsamen Vorgang durch das Papier sticht, erfolgt die Setzung der wenigen Striche schnell und zupackend. Das Resultat kann sich sehen lassen: Hier präsentiert sich etwas langsam Angewachsenes mit einem merkwürdigen Eigenleben, aus der Fläche des Papiers erhebt sich ein Raum, wir erleben die Welt in ihrer trügerischen Erscheinung.

Noch hinweisen möchte ich auf diese beiden Arbeiten, in denen die Farbe nun einen ganz starken Auftritt hat. Hier zeigt die Künstlerin nochmals deutlich, über welche Kraft ihre reduzierten Mittel auch im kleinsten Bildformat verfügen. Ich muss sagen: Ein starker Schlusspunkt der Ausstellung!

Sehr geehrte Damen und Herren, ich habe anfangs darauf hingewiesen, dass sich Anja Kniebühler mit ihren Papierarbeiten gegen die Bilderflut unseres online-Zeitalters stemmt. Mit großem Erfolg will ich nun, am Ende meiner Rede, nochmals betonen. Denn ihre reduzierten Kompositionen locken uns aus der Ferne an, sie laden uns ein, näher zu treten und sie sanft mit den Augen zu berühren. Vieles nehmen wir dabei wahr, das wir sonst vielleicht nie bemerkt hätten: Diese gewebeartige Struktur eines Papiers oder auch die unterschiedlichen Weißgrade ihrer Blätter. Bei dieser intensiven Form der Betrachtung stellt sich ein angenehmes, wahrhaft wohliges Gefühl ein, denn wir merken, dass wir entschleunigt werden. Dafür vielen Dank, liebe Anja Kniebühler.

Dr. Antje Lechleiter©, Freiburg

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