"Inseln bauen"

Ulrike Weiss, Martin Georg Schmid

Einführung: Dr. Friederike Zimmermann

Ausstellung: 22.10. - 19.11.2015

Bevor Ulrike Weiss und Marten Georg Schmid – zwei im Grunde völlig konträre Künstlerpersönlichkeiten – für diese Ausstellung angefragt wurden, waren sie sich vorher noch nie begegnet. Beim ersten Zusammentreffen war ihnen indes auf Anhieb klar, dass sich ihre jeweiligen künstlerischen Positionen hervorragend ergänzen würden.
Frappant zeigt sich diese künstlerische Homogenität bereits in der übereinstimmenden hellen Farbigkeit der Werke und den verwendeten Materialien, die – nicht zuletzt in Anlehnung an die Bestimmung dieses Raumes als Druckwerkstatt – sämtlich aus Papier bestehen.
Doch wie wollten sie diese gemeinsame Basis, die sie beide sofort intuitiv erfassten, benennen? Die Lösung ließ nicht lange auf sich warten: „Inseln bauen“ nannten sie ihre Ausstellung – ein Titel, der nicht nur metaphorische Assoziationen weckt, sondern auch sehr viel über beider Kunstschaffen aussagt:
Ulrike Weiss’ Herangehensweise mutet wie die einer Teppich-Knüpferin an, wenn sich ihre endlos fortlaufenden Linien wie Fäden zu Ornamenten, Bildern und auch Objekten verweben. Marten Georg Schmid, der sich selbst auch als Architekten beschreibt, formt Vorgefundenes zu abstrakten Gebilden, führt ihm dadurch eine neue Bestimmung zu und generiert so laufend Neuland – sei es im plastischen wie im ideellen Sinne.

Sie sehen also, meine Damen und Herren, dass das „Inseln bauen“ im L6, das gewissermaßen ja selbst eine Insel für das zeitgenössische Kunstschaffen ist, zwar zur gemeinsamen Schnittstelle wird, die auf beiden Seiten aber auch unendlichen Spielraum belässt.
Im Internet findet sich etwa die Anzeige zu einem Computerspiel namens „Inseln bauen“, das mit folgendem Plot beworben wird: „Baue deine eigene Insel… Es gibt viele Möglichkeiten zur Auswahl und viele verschiedene Sorten dieses Spiels. Du kannst einen Krieg anfangen auf deiner Insel…oder nutze deine Insel, um Bauernhöfe zu gründen und Gemüse anzubauen. Diese Spiele garantieren stundenlangen Spaß!“ – Ja, wer möchte das nicht, sich seine eigene Insel bauen… In England errichtete sich ein Multimillionär auf einem See seine ganz private Pirateninsel. Ganz zu schweigen von Dubai, wo unzählige künstliche Inseln ins Meer ragen, die sich von oben betrachtet wie Riesen-Meerestiere ausnehmen – wahrgewordene Utopien.

Gleichwohl, im Grunde geht es beim „Inseln bauen“ immer um dasselbe, nämlich um die Erfüllung von Träumen; um die Neuerschaffung von Orten für sich oder andere, die Rückzugsorte wie Sehnsuchtsorte gleichermaßen sind, wo man frei und ungehindert ist, das zu tun und lassen, was man will ( – und sei es, einen Krieg anzuzetteln…).
In der Regel handelt es sich hierbei aber um gedankliche Inseln: Um Denkräume, die unantastbar sind und Asyl bieten in Zeiten der Überwachung und des Terrors. Somit ist die Inselbedeutung zwar vielfältig, wird aber meistens assoziiert mit der Sehnsucht nach Ruhe, Frieden und Freiheit.

So auch in den Arbeiten von Ulrike Weiss. Seit jeher bewegt sich die Freiburger Künstlerin gewissermaßen zwischen den Welten. Vielleicht spielt hierfür eine Rolle, dass sie unter anderem für verschiedene Theater Bühnenausstattungen und -installationen gefertigt hat. En Passant durchlaufen ihre Arbeiten die Grenzen zwischen Traum und Realität – genauso wie sie zwischen den verschiedenen Kulturen des Orients und des Okzidents hin- und her-switchen. Auf diese Weise wechselt sie laufend ihre Perspektive: Auf die hiesigen Menschen und ihre Kultur von dort aus gesehen, wie auch auf die dortigen Menschen und deren Kultur von hier aus betrachtet.

Dieser Blickwechsel findet sich besonders schön symbolisiert in einer Installation, die mittels zweier Lichtquellen das Muster eines iranischen Deckenornaments an die Wand projiziert. Die jeweilige Ornamentik einer Kultur besitzt nun mal immensen Symbolgehalt und vermag sie quasi intuitiv zu vermitteln. Dieses Ornament stammt aus einem Wohnzimmer im Iran, das die Künstlerin abfotografierte, vergrößerte und schließlich wie einen Scherenschnitt herauslöste. Die ausgeschnittenen Gegenstücke wurden so auf dem Boden drapiert, dass sie sowohl zum schwebenden Objekt als auch zur Wandprojektion eine Art Vexierbild ergeben.
Dieses Muster, hier an die Wand geworfen (und in seiner ursprünglichen Form auch hier auf einer Fotomontage zu sehen), weckt sogleich romantische Assoziationen zur orientalischen Kultur – oder vielmehr: zu unserer Vorstellung davon, die ja noch immer stark geprägt ist vom Orientalismus der Kunst um 1900, der allerdings mit der heutigen Zeit nicht mehr viel gemein hat.

Umgekehrt entwickelte sich der Westen für die Menschen aus dem Orient mehr und mehr zum Sehnsuchtsort – Okzidentalismus nennt Ulrike Weiss dieses Phänomen. Häufig wird sie während ihrer Aufenthalte dort um Hilfe bei der Ausreise ersucht. Wie eine Fata Morgana ersteht so vor der Künstlerin immer wieder aufs Neue deren Vorstellung von Europa und von Deutschland als einem Paradies, das sich – hier einmal angekommen – freilich bald in große Enttäuschung wandelt.
In einem langen, narrativen Fries aus Tusche auf Seidenpapier findet sich jene gedankliche Reise dargestellt, auf die sich die Menschen des Orients wie auf einem fliegenden Teppich begeben. Die märchenhaft anmutenden Figuren (junge Mädchen, ältere Frauen, bärtige Männer, aber auch phantastische Tierwesen) stammen sämtlich aus einem altiranischen Zeichenbuch. Zunächst eher locker verwoben, verdichten sich die Figurengruppen (von links nach rechts gelesen) zum Ende hin immer mehr; wie auch der aus unzähligen Fäden und Schlaufen geknüpfte (oder besser: aus Linien filigran gehäkelte) Teppich, – bis das Ganze in einem Faden ausläuft, der ins Leere führt. Er reißt nach meinem Empfinden aber nicht ab, vielmehr scheint er dem Ensemble voranzugehen, bis er vielleicht am anderen Ende der Welt irgendwo andockt und zur Brücke wird.

Überhaupt sind Brücken ja notwendig, um auf eine Insel zu gelangen. Sie sind sozusagen der Materie gewordene Weg von einem Ort zum anderen. Auch Teppiche nennt man so. Sie können wiederum zur symbolischen Insel werden; Kinder beziehen sie häufig in ihr Spiel mit ein und bestimmen sie zum Asyl für ihre Immunität. Oder zu Orten der Wirtlichkeit im Unwirtlichen – hochaktuell, etwa wenn sich Flüchtlinge, die alles verloren haben, mit Wenigem versuchen kleine Inseln zu bauen, die ihre Gegenwart etwas erträglicher machen. Und das kann durchaus ein Teppich sein.
Teppiche sind auch das Motiv der drei großen überzeichneten Fotografien: Auf einem Bild lichtete Ulrike Weiss Männer ab, die an einem Fluss Teppiche waschen. Ihre Überzeichnungen schufen daraus eine abstrakte Landschaft, die die Teppiche zu schwimmenden Inseln in einem großen Meer stilisiert.
Ein anderes Bild zeigt eine Fotomontage mit Teppiche webenden Frauen, die die Künstlerin aus alten Fotografien herausschnitt und vor einem überdimensionierten Stapel von Stoffen platzierte. So entsteht der Eindruck von der Vergeblichkeit ihres traditionellen Tuns.
Zuletzt eine Fotomontage, die einen halb verfallenen Hinterhof zeigt, in dem Teppiche lagern. Auf diesem Bild ist kaum mehr etwas erkennbar. Gnädig überzog es die Künstlerin mit aus Tuschestrichen bis hin zur Unkenntlichkeit gehäkelter Spitze: Reduktion des Dargestellten, Abstraktion im ursprünglichsten Sinne, die wiederum neue (Gedanken-)Räume schafft, in denen nichts festgelegt ist.
Als wollte sie über die unablässige repetierende Bewegung des Strichelns Eins werden mit dem anderen und sich so in dessen Welt hineinschleusen, gelingt der Künstlerin eine Emphase, die geradezu ansteckend wirkt.



Darin zeigen sich die Werke des Offenburger Künstlers Marten Georg Schmid sehr verwandt – und sind dabei doch so verschieden. Gewiss, filigran verwebt auch er einzelne Elemente zu größeren Zusammenhängen. Inseln also auch hier.

Deutlich sichtbar erstrecken sie sich hier über den Boden. Doch die Mittel hierzu sind denkbar schlicht, die Objekte zusammengesetzt aus unzähligen weißen Blättern. Scheinbar ohne Anfang und Ende erstehen so einzelne „Inseln“, die entfernt an das aus Stiften stilisierte Landkartenrelief der „Tagesschau“ erinnert. „Nah und fern…“ heißt diese Arbeit, die sich mal zu kleineren, mal zu größeren Bestandteilen zusammenfindet – mal enger wie Inselgruppen einander zugeordnet, mal sich als Einzelgruppe von den anderen separierend.

Überhaupt war dies die elementare Frage, die sich dem Künstler beim „Bauen“ dieser Inseln immer wieder stellte: Wie ordne ich die einzelnen Teile zueinander an, wie lässt sich deren räumlicher Bezug darstellen, wie deren Geschichte erzählen.
Wobei diese auch immer die Geschichte des Raumes reflektiert. Denn ohne sie ist Marten Georg Schmids Kunst gar nicht denkbar. Schließlich verändert jeder skulpturale Eingriff die räumliche Sphäre und überführt den Raum in eine komplett neue Ordnung. Zwischen den einzelnen Objekten aufgespannte imaginäre Linien definieren das ganze Raumgefüge neu und bleiben doch im Verborgenen.

Der Raum, so wie ihn der Künstler vorfindet, gibt sozusagen die Regieanweisungen zu den erst vor Ort entstehenden Kunstwerken, wenngleich er deren spätere Verwandlungen in seiner Imagination vorwegnahm. Die räumlichen Vorgaben bestehen jedoch nicht nur aus den Dimensionen wie Höhe und Breite oder der Weitläufigkeit des Raumes, sondern wesentlich subtiler auch in der jeweiligen Beschaffenheit der Wände oder des Bodens. Aber auch des Vorhandenseins – bzw. der Anzahl und der Beschaffenheit – von Fenstern oder Durchgängen.
Zeigen sich in der Fläche irgendwelche Gebrauchsspuren, Löcher oder Schrammen, so werden sie in das Werk integriert beziehungsweise zu Bezugspunkten des Schaffens.

Dies ist sehr schön zu sehen in den fünf Frottagen an der Wand, die – im übrigen der lichtprojizierten Installation von Ulrike Weiss sehr verwandt – im Aufriss das reflektieren, was auf dem Boden existent ist. – Was das im einzelnen ist, dürfen Sie selbst herausfinden.
Während die Skulpturen auf dem Boden oder an der Wand wie ein Statement oder eine intuitive Geste in den Raum hineinwirken, erfüllen die Zeichnungen eine ganz andere Funktion: Sie dienen der Archivierung, des Festhaltens und der Erinnerung, fast als würde man etwas aus seinem größeren Zusammenhang herauslösen, um es sich ganz genau vor Augen und zu Gemüt zu führen.

Dies ist – wie ich meine – einer der schönsten Aspekte von Marten Georg Schmids minimalistischer Kunst: Vermeintlich Unscheinbares, im Alltag Unbeachtetes wird herausgelöst, separiert und damit in den Fokus gerückt. Auf diese Weise entspinnen sich wiederum neue Perspektiven – auf diesen Gegenstand, aber auch auf die Schönheit im Alltäglichen, Zufälligen und Einfachen, das durch die serielle Wiederholung potenziert und neu definiert wird. Aus dem Nichts entstandene Inseln der Schönheit im Hier und Jetzt.
Niemals jedoch bedient sich der Künstler vorgefundener Objekte, die lediglich um-arrangiert werden. Zur mithin wichtigsten Aussage seiner Kunst gehört vielmehr der unermüdliche und oft sehr langwierige Werkprozess an sich, innerhalb dessen eine Neuschöpfung überhaupt erst vollzogen werden kann.

Besonders evident wird dieses Prinzip auch in der Wandarbeit mit dem Titel „Eng zusammen und weiter auseinander…“, die aus unzähligen Pausenbrot-Tütchen besteht, die sich, individuell aufgefaltet und mit jeweils einem Nagel befestigt, an der Wand zu einem Relief ausweiten. In feiner Übereinstimmung korrespondieren die lichten Rechtecke mit den vielen kleinen Quadraten der Fenstersteine. In seiner haptischen Qualität erinnert das Relief an Gips; oder an luftiges Baiser, das – wenn Sie ganz nah herangehen und quasi von der Seite oder von unten schauen – die Lust am Sehen entfacht, die dem Appetit auf etwas sehr Feines durchaus verwandt ist.

Insgesamt – so kann man sagen – strahlen Marten Georg Schmids Werke eine große Ruhe aus, die der postulierten (Zitat) „Gelassenheit der Größe der Welt gegenüber“ Rechnung trägt. Auf der anderen Seite lassen sie auch niemanden unberührt – locken sie doch durch einen immensen haptischen Reiz oder (wie hier) durch den Kontrast, den die lichten Materialien zum abgenutzten Boden oder zur teilweise etwas ramponierten Wand bilden.
Seine Kunst dient daher mitnichten der l’art pour l’art – im Gegenteil nimmt er sich als Künstlerpersönlichkeit völlig zurück. Der Betrachter und der gesellschaftliche Diskurs sind ihm sehr wichtig, ansonsten wäre für ihn das (Zitat) „Kunstschaffen wie Schuhe, die keiner trägt“.


Meine Damen und Herren, Sie sehen es deutlich: Inseln gibt es allerorten und zuhauf… und nicht zuletzt entstehen sie aus einem Perspektivwechsel heraus, wie er der Kunst beider hier Ausstellender zu eigen ist:

Während Marten Georg Schmid ihn durch die Konnotation von Alltagsgegenständen oder Weggeworfenem mit neuen Sinngehalten vollzieht, resultiert er in Ulrike Weiss’ filigranen Arbeiten aus der westlichen Nostalgie und Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit, die sie aber durch die unablässig strichelnde Aneignung der anderen (orientalischen) Kultur – etwa vergleichbar mit der geschäftigen Besessenheit einer Spitzenklöpplerin – wie zu überwinden scheint.

Zu Brücken wird somit beider Tun, wie Inseln sind ihre Werke… – denen Sie sich nun endlich selbst widmen dürfen. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!

© Dr. Friederike Zimmermann – Kunst & Kommunikation – Merzhausen, 21. Oktober 2015



Copyright © 2017. All Rights Reserved.