Mireille Gros
"Biodiversität"

Vernissage: Montag, den 15. April 2013, 19.30 Uhr
Ausstellung: 15. April bis 11. Mai 2013

www.mireillegros.ch/

Sensibles Herbarium
Mireille Gros in der Künstlerwerkstatt im Freiburger L6.

"Biodiversität" – das sperrige, hierzulande nie ganz heimisch gewordene Wort steht schlicht für "Artenvielfalt", jenes intakte Zusammenspiel unterschiedlichster Ökosysteme, das im weitesten Sinn Leben bedeutet. Kaum zu glauben, aber wohl wahr: Täglich sollen an die 100 Tier- und Pflanzenarten die Welt für immer verlassen – mehr als je zuvor in der Geschichte des Planeten. "Biodiversität" – als Titel einer Ausstellung in der Freiburger Künstlerwerkstatt im L 6, bezeichnet das Wort die Vielfalt floraler Ausdrucksformen im Werk der Schweizer Künstlerin Mireille Gros: ein sehenswertes Zusammenspiel von Vielfalt und Fragilität.

"Elfenbeinküste", schon im Namen des westafrikanischen Staates steckt die Tendenz zur rücksichtslosen Naturausbeutung. Von den einst dichten Urwäldern ist dort nur einer geblieben. Wenn die zierliche Künstlerin über ihren Aufenthalt dort berichtet, kann man sich der in jedem ihrer Sätze nachschwingenden Faszination nicht entziehen. Auch wenn ihr Besuch schon zwei Jahrzehnte zurückliegt – der Eindruck bedrohter Üppigkeit, einer faszinierenden floralen Überfülle hat ihre Arbeit entscheidend geprägt.


Inspiriert von eigenen Naturstudien machte sich die originäre Zeichnerin daran, fast täglich neue Pflanzensorten zu entwerfen, dem Artensterben gleichsam bildnerisch Paroli zu bieten. Dabei gehe es ihr nicht um einen "äußeren Naturbegriff", betont Mireille Gros, sondern um ein empathisches Verhältnis, das die Grenzen zwischen Objekt und Betrachter zerfließen lässt – um "unseren inneren Urwald". Kunst-Natur als Meditationsobjekt? Eher wie ein stilles Ballett.

Ihre zartgliedrigen Pflanzengestalten, ihre Samen und Fruchtstände spielen in diesem sensiblen Herbarium die Rollen von Statisten, folgen absichtslos der spontanen Kreativität des Pinsels, Blei- und Buntstifts. Der Pflanzenvielfalt – Schachtelhalme, Gräser, gefiederte Gewächse, Samen, Sprossen und Keimlinge – entspricht die Vielgestalt der künstlerischen Mittel: Wasserfarben- und Ritzzeichnungen, Graphit und fotografisches Material, auch Skulpturales: ein Beerengespinst und reale Mitbringsel aus Westafrika.

Manche Anverwandlung weckt Jugendstil-Erinnerungen, anderes erinnert an die floralen Erkundungen und Transformationen anderer: Rudolf Steiner, Karl Blossfeldt, Paul Klee, Joseph Beuys. Ein Satz von Christian Morgenstern beschreibt treffend die Intention: "Ganze Weltalter von Liebe werden notwendig sein, um den Tieren und Pflanzen ihre Dienste und Verdienste an uns Menschen zu vergelten."

Stefan Tolksdorf
Badische Zeitung 25.4.2013

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