Thomas Heyl
Malerei und Scherenschnitte

Montag, den 5. Mai 2014, 19.30 Uhr

Einführung: Dr. Antje Lechleiter

Ausstellung: 7. Mai bis 7. Juni 2014

 

Einführung:
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit Arbeiten auf und aus Papier ist Thomas Heyl zu dieser Ausstellung in die Künstlerwerkstatt eingezogen. Angesichts der Werkgruppe der Scherenschnitte liegt die Zuwendung zu diesem Material auf der Hand. Doch auch in seiner Malerei lotet der Künstler nicht etwa auf der Leinwand, sondern auf dem Papier die Möglichkeiten eines Umgangs mit Farbe aus, der ohne inhaltliche Anleihen auskommt. Was wir hier sehen, sind bestenfalls Fragmente der Wirklichkeit und Heyl geht sowohl in seiner Malerei als auch in seinen Scherenschnitten weit über das mit Worten Erklärbare hinaus. Sie sehen es heute selbst: Ihm geht es primär darum, mit seinen Werken neue, visuelle Erfahrungen zu vermitteln.

Dazu gleich mehr, zunächst aber ein kurzer Blick in seine Biografie: Thomas Heyl wurde in Coburg geboren und studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München. Seit 2006 ist er Professor für Kunst und Didaktik an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg. Er lebt in München und Freiburg.

Kehren wir jetzt zu meiner ersten Erkenntnis zurück: Der Künstler arbeitet ausschließlich mit und auf Papier. Warum das so ist, lässt sich schnell erklären: Weil Papier ganz leichte Gesten und ein flüssiges Arbeiten erlaubt, weil viele hauchdünne Farbschichten auf einen gleichfalls dünnen Bildgrund aufgebracht werden können, weil das empfindliche Papier schnell dazu bereit ist, Spuren der gestaltenden Hand aufzunehmen. Gerade mit der letzten Aussage sind wir schon wieder bei etwas ganz Wesentlichem: Heyl benutzt nur ein kleines Repertoire an Werkzeugen, er bedient sich elementarer Mittel, und er konzentriert sich dabei auf solche, welche die Möglichkeit der Spurgebung im malerischen Sinne beinhalten. Es geht ihm also um das Tun, um den Malakt und sein Denken ist dabei ganz und gar auf die Form und nicht auf den Inhalt gerichtet.

Heyl arbeitet gerne mit Lasurpigmenten, die wie durchscheinende Folien übereinander gelegt werden können. Er benutzt aber auch stark deckende Farben, die einen Bildabschnitt geradezu unerbittlich und hermetisch nach unten hin abschließen. Was wir sehen changiert ein wenig zwischen Zeichnung und Malerei, und in der Tat arbeitet der Künstler nicht nur mit dem Pinsel. Auch die Finger und vor allem breite Schwämme kommen zum Einsatz. Diese Malmittel hinterlassen durch den Rhythmus einer Bewegung oder durch eine gezielt gesetzte Geste fein abgestufte Farbspuren auf dem Papier. Doch, und dieser Aspekt verbindet die Malerei mit den Scherenschnitten, nicht nur das, was aufgetragen, auch das, was weggenommen wird hinterlässt Zeichen. Heyl arbeitet in seiner Malerei nicht nur mit gebundenen, sondern partiell auch mit ungebundenen Pigmenten, die mit dem Schwamm ausgewaschen werden können und dabei weitere Spuren hinterlassen. Man sieht diesen Bildern an, dass sie über einen langen Zeitraum hinweg bearbeitet wurden. Heyl führt einen beständigen Dialog mit den Werken in seinem Atelier und das bedeutet, dass auch dem Bild Redezeit eingeräumt wird. Er will gar nicht alles alleine bestimmen und das muss er auch nicht. Wie wir heute sehen, passiert auch so ungemein viel auf seinen Kompositionen. Bis knapp an die Grenze der Gegenständlichkeit führt uns die Augen-Reise in seine Bilder, doch diese Zone wird nie überschritten. Tritt eine gegenständliche Assoziation zu stark in den Vordergrund, so wird diese wieder durch die Auswaschung der Farbe oder durch Übermalung getilgt.

Eigenwillige Farbbahnen oder breite Linienbänder, kleine und wie nach einer gewaltigen Explosion herab purzelnde Vierecke oder Fliesen, Mosaikfragmente - mit Worten sind diese Bildelemente nicht zu fassen. Das, was die lockere, dynamische Geste, was ein vehement gesetztes Pinselstrich-Stakkato formt, verweist auf nichts Dinghaftes. Das Handwerklich-Prozesshafte bleibt immer erkennbar und führt die reinen Mittel der Malerei vor Augen.

Mich faszinieren jene Bildabschnitte besonders, in denen eine starke Tiefenwirkung entsteht. Ein mitunter extremer Illusionismus ergibt sich durch das gesamte Programm, das der Malerei zur Verfügung steht: Wir finden das Fluchten von Linien, Überschneidungen und Schichtungen, den Wechsel von Licht und Schatten, sowie fein abgestufte Farbverläufe. Und dennoch: Wir erkennen kein Ding und einen Raum betreten unsere Augen auf den Bildern von Thomas Heyl auch nicht, nie sind seine Kompositionen einem perspektivischen Ordnungsprinzip untergeordnet. So besteht eine große Diskrepanz zwischen einer teilweise fast fotografisch wirkenden Formillusion und der Irrealität des Dargestellten. Heyl führt uns die Illusion der Illusion von Wirklichkeit vor. Dazu passt, dass auch die Worte in den Bildtiteln eher Rätsel aufgeben, als dass sie Antworten bieten. "Frühe Entdeckung" heißt beispielsweise das Bild Ihrer Einladungskarte.

Kommen wir zu den Scherenschnitten, die teilweise formal durchaus mit der Malerei verbunden sind. Im Unterschied zur Malerei verlangen sie aber ein ruhiges, absolut kalkuliertes Vorgehen und der Künstler tastet sich bei seinen Schnitten ganz langsam an die Form heran. Das muss er auch, denn Korrekturen sind hier nicht möglich. Ich habe schon erwähnt, dass er mitunter sehr lange an einem Bild weiterarbeitet, bei den Scherenschnitten ist er hingegen gezwungen, einen Schlusspunkt zu setzen. Ich denke, dass er auch diese Tatsache genießen kann.

Einige der hier ausgestellten Scherenschnitte entstanden im November 2013 während eines Atelierstipendiums in Irland. Bei seiner Rückkehr freute sich Heyl über die von ihm gewählten, kargen Mittel. Genau 200 g Papier brachte er von seinem Arbeitsaufenthalt mit. Die mit schwarzem Pigment übermalten Scherenschnitte ermöglichen es Heyl in einzigartiger Weise, durch die Zerstörung des Bildträgers auf jenen als Grundvoraussetzung von Malerei und Zeichnung und somit auf die Bedingungen des künstlerischen Tuns hinzuweisen. Hinzu kommt, dass die jeweilige, individuelle Färbung des Transparentpapiers durch die Lagerung im Atelier dem Zufall geschuldet ist. Der Kontakt mit verschiedensten Werkstattmaterialen hat auf der Papieroberfläche Spuren hinterlassen, und mit dem Hinweis auf den Ort der Handlung kommt eine weitere wichtige Maßgabe für die Bildentstehung hinzu.

Die Scherenschnitte setzten sich aus drei verschiedenen Ebenen zusammen: Wir sehen das leicht graue und trübe Transparentpapier, auf das intensiv schwarzes Pigment, Ofenruß, auch Flammruß genannt, mit dem Pinsel aufgetragen wurde. Anschließend wurden einzelne Zonen mit dem Skalpell oder Papiermesser aus dem Transparentpapier herausgeschnitten. Mit Stecknadeln befestigte der Künstler schließlich das Blatt auf einem strahlend weißen Karton. Es ist unvermeidlich, dass durch dieses Vorgehen eine absolut nachvollziehbare Räumlichkeit entsteht. Doch wie schon in seiner Malerei manifestiert sich dadurch nichts Gegenständliches. Heyl behauptet nichts, er zeigt. Unglaublich schön ist der Kontrast zwischen diesem schwärzesten aller Schwarz und dem leuchtenden Weiß der ausgeschnittenen Partien. Paradoxerweise wird das, was nicht mehr da ist, zur gleichermaßen hervortretenden wie prominenten Bildfigur. Das große Schwarz und das große Weiß agieren nicht nur absolut gleichwertig nebeneinander, sie treten auch in Kontakt und verflechten sich. Virtuos wechselt Heyl dabei die Handschrift. Mit dem schwarzen Pigment malt und zeichnet er, er verdreht Farbstränge und er konstruiert, er zerteilt und fügt zusammen. Und das Licht trägt eine weitere Ebene der Transformation bei. Indem das Papier mit einem kleinen Abstand vor seiner Rückwand hängt, ergeben sich sowohl dunkle Schlagschatten als auch hell leuchtende Schnittkanten. Diese Scherenschnitte zeigen eindrucksvoll, dass Volles und Leeres nebeneinander stehen und ein und den selben Zustand beschreiben können. Unsere Aufmerksamkeit ruht im gleichen Maße auf dem Gestalteten wie dem Ungestalteten und man kommt nicht umhin, dabei an die im Zen-Buddismus so zentrale Gleichzeitigkeit von Sein und Nichts zu denken. Form ist Leere, Leere ist Form.

Sehr geehrte Damen und Herren, was erleben wir also in dieser Ausstellung mit Malerei und Scherenschnitten von Thomas Heyl? Wir sehen sich im Untergrund des Papiers verflüchtigende Linien, wir hören die Stille nach einer gewaltigen Explosion, wir erspüren eine zum Stillstand gebrachte Bewegung. Wir erleben drei verschiedene Arten des Überganges von Sein und Nichts.

Dr. Antje Lechleiter©, Freiburg




Copyright © 2016. All Rights Reserved.